Der geheime Garten: Wenn ein Samen zum Aufgehen 30 Jahre braucht


Schon immer wünschte ich mir einen Garten, wie sie in den englischen Herrenhäusern zu besichtigen sind, mit Mauern, die die zarten Rosen vor dem kalten Wind schützen. Und überhaupt: Rosen, ganz viele Rosen. Hohe Mauern, Tore, Gartenwege und ein einsamer Gärtner, der mit müden Knochen seine Schubkarre vor sich herschiebt.

Die Idee eines von Mauern umgebenen, geschützten Gartens, in dem ich alleine werkeln konnte und nur jene Menschen hinein durften, die ich auch dort haben wollte, wurde über die Jahre ein geistiger Kraftort, an dem ich mich bei Bedarf hinbeamen konnte. Aber nur geistig. Und der Wunsch nach einem eigenen, ummauerten Rückzugsort wuchs und wuchs über die letzten 30 Jahre, bis ich ihn mir vor vier Jahren (fast) verwirklichen konnte.

moore on yorkshire dales

Yorkshire Dales National Park

“It isn’t fields nor mountains, it’s just miles and miles and miles of wild land that nothing grows on but heather and gorse and broom, and nothing lives on but wild ponies and sheep”. (The Secret Garden)

Das Moor in Yorkshire. Ich dachte, Yorkshire sei flach, ist es aber nicht, es ist hügelig, ein Flachländer würde es sogar bergig nennen. Ich wollte unbedingt die Moore in Nordengland sehen, so eine kleine, feine Sehnsucht war da in mir drin, schon seit immer könnte man meinen.

yorkshire dales moore

Yorshire Dales National Park

“On and on they drove and though the rain stopped, the wind rushed by and whistled and made strange sounds. The road went up and down, and several times the carriage passed over a little bridge beneath which water rushed very fast with a great deal of noise. Mary felt as if the drive would never come to an end.” (The Secret Garden)

Wir sind viel gereist, vor allem in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, nachdem wir den Landrover gekauft hatten. Natürlich auch in England und bei unserer mehrere Monate dauernden Reise über die britischen Inseln im Jahr 1999 fanden wir dann auch tatsächlich den Weg nach Yorkshire und in die Herrenhäuser mit ihren Gärten.

Frau sitzt auf Gartenbank

/me 1999, Nordirland

“She could not help thinking about the garden which no one had been into for ten years. She wondered what it would look like and whether there were any flowers still alive in it.” (The Secret Garden)

englischer Garten 3

“When she had passed through the shrubery gate she found herself in great gardens, with lawns and winding walks with clipped borders.There were trees, and flower-beds, and evergreens clipped into strange shapes, and a large pool with an old gray fountain in its midst. But the flower-beds were bare and wintry and the fountain was not playing.” (The Secret Garden)

englischer Garten 2

“And yet when she had entered the upper end of the garden she had noticed that the wall did not seem to end with the orchard but to extend beyond it as if it enclosed a place at the other side. She could see the tops of trees above the wall, and when she stood still she saw a bird with a bright red breast sitting on the topmost branch of one of them, and suddenly he burst into his winter song – almos as if he had caaught sight of her and was calling to her.” (The Secret Garden)

Woher diese leiste Sehnsucht nach den nordenglischen Hochmooren und der Wunsch nach einem eigenen ummauerten Garten kamen, war mir nie ganz klar. Erst als ich neulich zufällig bei Nido Online die Kinderbuch-Lesetipps der Nido-Redaktion überflog, fiel es mir wie Schuppen von den Augen!

“Der Geheime Garten” von Frances Hodgson Burnett (im Original “The Secret Garden”) war eine zeitlang mein absolutes Lieblingsbuch. Das ging so weit, dass ich nicht nur unbedingt einen eigenen Garten haben wollte, sondern auch ein eigenes Rotbrüstchen und einen Freund mit einem Pony.

Die Geschichte spielt in der Mitte oder gegen Ende des 19. Jahrhunderts im englischen Yorkshire. Die kleine Mary Lennox wächst in den britischen Kolonien in Indien auf. Als ihre Eltern an der Cholera sterben, kommt sie zu ihrem Onkel Archibald nach Misslewhite in Yorkshire, England. Archibald Craven gibt sich seit dem Tod seiner Frau der Trauer hin und kümmert sich weder um sein Anwesen noch um seinen Sohn Colin. Als Mary nach Misslewhite kommt, findet sie überal Geheimnisse und Unausgesprochenes. Aus lauter Langeweile fängt sie an, nach dem Garten zu suchen, den der Hausherr nach dem Tod seiner Frau zugesperrt haben soll und den seither niemand mehr betreten hat.

Wie die anderen beiden Bücher Burnetts lebt auch dieses hier von den mitreissenden Beschreibungen und von den Beziehungen der Charaktere untereinander, die sich dank dieser Beziehungen im Laufe der Erzählung positiv verändern. Und wie viele Erzählungen aus dem Zeitalter der Romantik hinterlässt auch diese hier eine Sehnsucht nach der heilenden Kraft der Natur.

“Mistress Mary, quite contrary,
How does your garden grow?
With silver bells, and cockle shells,
And marigolds all in a row.”

Ich musste tatsächlich lange warten, viel länger noch als Mistress Mary Lennox. Aber heute habe ich meinen eigenen, ummauerten Garten, mit Glockenblumen und Vergissmeinnicht, aber auch mit zahlreichen Rosen, Kletterrosen und Beetrosen, Hochstämmer und Zwergen:

kletterrosen an der mauer“It was the sweetest, most myssterious-looking place any one could imagine. The high walls which shut it in were covered with the leafless stems of climbing roses which were so thick that they were matted together…” (The Secret Garden)

“The Secret Garden” im Englischen Original ist in der Kindle-Bibliothek von Amazon gratis erhältlich. Auf Deutsch empfehle ich die wunderschön von Graham Rust illustrierte  Hardcover Ausgabe (Gerstenberg).

 

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Ostern, das bunte und fröhliche Frühlingsfest (bei lokalo24.de)


lo-logo-fam3Lange war ich überzeugt, Ostern sei eigentlich ein keltisches oder sogar noch älteres Fest. Dann aber sagten mir ein paar Deutsche, es sei ursprünglich germanisch. Oder Persisch. Barbara Walker schreibt sogar über einen möglichen Ursprung im alten Ägypten. Und die Christen reklamieren es sowieso für sich selber – wenn auch nicht alle am gleichen Datum oder aus den selben Gründen.
Behauptet wird viel, belegt weniger. Aus Neugier fing ich an, über die Ursprünge von Ostern nachzuforschen.  Den ganzen Artikel auf lokalo24.de lesen: Ostern, das bunte und fröhliche Frühlingsfest.

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Was die Kinder Finder App mit uns macht


Ach Du meine Güte, war mein erster Gedanke, als heute ein Artikel über die Kinder Finder APP in meinem Newsreader aufschlug. Es war nicht das erste Mal, dass ähnliche Produkte beworben werden und so steht der Name stellvertretend für eine ganze Reihe ähnlicher Produkte, APPs und Programme.

Natürlich würde den meisten von uns schummrig ums Herz bei dem Gedanken, unsere Eltern würden erfahren, wo wir uns als Kinder überall rumgetrieben haben – ohne ihr Wissen natürlich.

Aber müssen wir unsere eigenen Kinder deshalb auf Schritt und Tritt be- und überwachen?

Ehrlich?

Also nicht dass wir uns missverstehen: Ich bin die Erste, die ihren Vierjährigen nicht alleine über die Strasse laufen oder alleine in den Kindergarten laufen lässt. Denn es kommt immer auch auf das einzelne Kind und seinen Entwicklungsstand, sowie die physische Umgebung an, ab welchem Alter man es alleine losziehen lassen kann.

Aber ob und dass mein Kind eines Tages alleine loszieht, das stand für mich nie infrage.

Normalerweise vergrössert ein Kind den Kreis, in dem er sich von Mamas Nabelschnur abseilt, in einem Tempo, dem wir Eltern gut folgen und uns schrittweise an die neue Selbständigkeit unserer Sprösslinge gewöhnen können.

Drei Mädchen sitzen auf der Wiese

Unbeaufsichtigtes, unstrukturiertes Spielen ohne Überwachung und Einmischung von ErwachsenenBild. Birgitta Hohenester / pixelio.de 

Und nun tauchen plötzlich mehr und mehr dieser Überwachsungsgeräte auf. Verführerisch!

Man gibt dem Kind also ein Smartphone mit. Natürlich nur, damit es einem im Notfall anrufen könnte, schon klar. Aber dann sitzt man den ganzen Nachmittag wie auf Nadeln und wartet darauf, dass das Kind anrufen könnte und spielt im Kopf Filmchen ab, wie man es dazu auffordert Ruhe zu bewahren und auf den Helikopter der Rettungsflugwacht zu warten. Man legt schon mal den Schlüsselbund, das eigene Smartphone und das Portemonnaie parat, um im Falle eines Falles möglichst wenig Zeit zu verlieren.

Die Kinder Finder APP wäre in dem Fall natürlich hilfreich: Man wüsste ja gleich, wohin man den Helikopter schicken müsste. Aber man könnte so oder so einen Blick drauf werfen. Denn das Kind erzählt einem ja beim Nachtessen ja auch nicht mehr alles. Überhaupt wäre es interessant herauszufinden, ob es wirklich dort war, wo es gesagt hat…

Und dann sitzt man da und wartet.

Tut man damit etwas Gutes? Sich? Seinem Kind?

Das wage ich doch stark zu bezweifeln!

Erstens schadet man seinem Kind, das seine Privatsphäre, einen privaten Raum benötigt, um selbstbestimmt und motiviert zu lernen. Ich zitiere mich gleich selber: “Das unbeaufsichtigte, unstrukturierte Spiel gibt dem Kind Freiheit. Die Freiheit, seine Herausforderungen selber zu wählen. [...] Bei keiner von Eltern oder Lehrpersonen vorgegebenen Aufgabe kann die Motivation höher und die Beharrlichkeit grösser sein, als bei einer selbst gewählten Herausforderung.” (aus dem Artikel “Wie Kinder heute wachsen“)

Zweitens schadet man der Beziehung zwischen sich und dem Kind und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht:

  • Überwacht man jeden seiner Schritte offen, kommuniziert man dem Kind laut und deutlich “ich vertraue Dir nicht, ich traue Dir nicht zu, alleine klar zu kommen”.
  • Überwacht man es heimlich, dann ist das ein grober Vertrauensmissbrauch durch, der das Verhalten dem Kind gegenüber verändern wird. Denn sogar, wenn das Kind nichts von der Überwachung mitbekommt – man selber weiss ja ganz genau, was man hier hinter dem Rücken der geliebten Person tut. Wenn man Anstand hat – was ich den meisten jetzt einfach mal unterstelle – dann schämt man sich wohl auch ein klein wenig dafür, was natürlich die zukünftige Beziehung zum Kind beeinflusst.
  • Als die Erwachsenen im familiären Beziehungsgeflecht bestimmen wir Eltern, ob die Beziehungen auf Vertrauen oder auf Misstrauen basieren sollen. Wenn wir unseren Kindern nicht vertrauen, wird dieses Misstrauen sich ausbreiten und alle  Beziehungen innerhalb der Familie mit beeinflussen.

Drittens schadet man auch sich selber, indem man sich der Illusion einer Schicksalskontrolle hingibt, die man in dieser Form keinesfalls hat. Man lügt sich dabei in die Tasche und weiss es. Ja, man wüsste wo das Kind – oder sein Handy – zuletzt gewesen wäre. Aber man kann Unfälle dadurch nicht verhindern.

Unfälle und schlimme Unfallfolgen verhindert man, in dem man sein Kind durch Vorbild und Erklärung lehrt, wichtige Sicherheitsregeln zu beachten.
Man verhindert sie, indem man sein Kind in sicherer Umgebung üben lässt und ihm erlaubt, eigene Erfahrungen zu machen und dabei auch mal zu scheitern.

Wer dies nicht kann, dem kann auch ein Überwachungsgerät oder eine APP nicht helfen, denn für ein psychologisches Problem gibt es keine technische Lösung!

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Ernetztes und Vernetztes im März 2014


Warten auf die Beute (Bild Gitti Moser @ pixelio.de)

Was ist mir diesen Monat ins Netz gegangen?
(Bild Gitti Moser @ pixelio.de)

Hach, der Frühling kommt… vielleicht… vielleicht auch nicht…

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Interview in der NIDO mit Sven Nordqvist, dem Autor von „Pettersson und Findus“: Vielleicht sollte man es mit LSD probieren.

Ich habe mich ja schon verschiedentlich darüber ausgelassen, dass ich nach Möglichkeiten suche, Büroarbeit und Kinderbetreuung auf eine Art und Weise zu verbinden, bei der sowohl meine als auch Kurzens Bedürfnisse erfüllt werden. Hier ein paar Ideen, die bereits umgesetzt wurden, zusammengetragen von Maya Dähne: WLAN und Wickeltisch.

Was für eine wunderbare Begegnung herauskommen kann, wenn man als Elter mal seine Berührungsängste mit Randstandgestalten etwas zurückstellt und der Menschenkenntnis seines Kindes vertraut, erzählt Frau Gminggmangg: Hast Du Durst?

“Auf Zehenspitzen” hat in den deutschsprachigen Medien nach Aussagen zu Schwangerschaft und Post-Schwangeren-Körpern gesucht. Ihr Fazit: …ach, lest selber: Post-schwangere Körper in den Medien.

Moritz Baumstieger sucht nach einer Kiste Cognac, die sein Grossvater während der Besetzung der Normandie dort am Strand vergraben haben soll und nach der Geschichte dahinter. “Bald wird es niemand mehr geben, der den Welt­krieg erlebt hat. Dann werden all die kleinen Geschichten verloren sein, aus denen sich die große Geschichte zusammen­setzt. Die meines Opas ist nur eine von Millionen – er hat sie größtenteils für sich behalten wie die meisten seiner Generation.” Weiterlesen: Sein Schatz.

Eine Reportage, die mich sehr bewegt und mit einem Kloss im Hals zurückgelassen hat, ist die Geschichte von Frau C., die über ihre schizophrene Tochter Lea erzählt. So viel Liebe, so viel Schmerz. Etwas Zeit und Ruhe mitbringen, der Artikel ist keine leichte Kost: Liebe und Angst.

Und last but not least die Blogparade von Berlin Mitte Mum zum Thema “selbstbestimmtes Gebären”, an der ich selber auch teilgenommen habe. Jeder einzelne der dort verlinkten Artikel ist äusserst lesenswert!

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Was zum Teufel heisst hier nicht #selbstgeboren ?


Eigentlich habe ich ja gar keine Zeit für so ‘nen Mist. Aber manchmal schwemmt meine Facebook oder Twitter Timeline Themen an, denen ich mich nicht entziehen kann. Gleich parallel auf beiden Kanälen ging es heute plötzlich ums selbstbestimmte Gebären. Am besten gleich ohne überhaupt niemanden. Ärzte sind böse, Medizin sowieso, und überhaupt, im schlimmsten Fall reichen drei Arnikakügelchen und dann schaukelt sich das Kind schon selber aus dem Geburtskanal.

Ich hatte gedacht, ich hätte  mich mit meinem Geburtserlebnis schon seit langem ausgesöhnt (hier und hier schrieb ich bereits darüber). Aber wenn ich mir die Wut ansehe, die beim Thema mit dem sehr, sehr, sehr, wirklich sehr ungeschickt gewählten Schlagwort “selbst geboren” in mir hochsteigt, dann scheint dies immer noch nicht der Fall zu sein.

Oder die Wut hat gar nicht mit meiner Verarbeitung zu tun, sondern mit der Anmassung mancher Menschen, andere in “richtige” und “falsche” Mütter einzuteilen, weil sie “richtig” oder “falsch” geboren haben. Und das gerade noch so, als ob alle immer selber wählen würden. Als ob jeder Kaiserschnitt, jede andere medizinische Intervention wie Dammschnitt oder Wehen einleiten, gewünscht wäre. Und als ob Menschen, die sich für einen Kaiserschnitt entscheiden, einfach nur zu feige wären, sich den Strapazen einer “richtigen” Geburt auszusetzen.

Um es mit den Worten einer deutschen Rockband zu sagen: Verpisst Euch!

Ich weiss, dass das ordinär ist, aber gopfridstutz nocheins, die aller-aller-aller-aller-meisten Kaiserschnittmütter haben den nicht gewünscht und sie sind weder Weicheier noch Feiglinge noch unselbständige Huschelis, die sich von allmächtigen Ärzten durch die Gegend schubsen lassen! himmelarschundzwirn!

Die meisten Kaiserschnitteltern (es geht bei der Sache nicht nur um die weibliche Urkraft! da sind auch Väter beteiligt, die haben auch Gefühle! Ja!), also, die meisten Kaiserschnitteltern (ich spreche jetzt von geplanten Kaiserschnitten) wurden im Voraus über das Für und Wider der verschiedenen Alternativen informiert, haben lange und ausgiebig darüber diskutiert, untereinander, mit Hebammen, Ärzt/innen,… und eine rationale Entscheidung für das in ihrem speziellen Fall geringste Risiko für Kind und Mutter und gegen den Selbstfindungstrip getroffen.

Beim unterschwelligen Vorwurf der #selbstgeboren-Frauen, diese Eltern hätten ihre Entscheidung nicht selbstbestimmt getroffen, steigt mir der Senf gleich wieder in die Nase. Dijon, scharf.

Soviel zur Wut.

Fürs Protokoll: Ich bin mitnichten sauer auf Frauen, die eine Hausgeburt, Spontangeburt, Alleingeburt, Hypnogeburt, Lotusgeburt oder was immer sie sich vorgestellt haben, gemacht haben. Das ist toll. Wunderschön. Jedenfalls habe ich vor der Geburt meines Sohnes viele davon gelesen und sehr oft gedacht: “So toll, das möchte ich auch”.

Aber das Leben ist nicht immer so. Und es ist nicht der persönliche Verdienst eines Menschen, wenn es so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Genau so wenig wie es das persönliche Versagen desjenigen ist, bei dem alles anders kommt, als gewünscht.

Und nun zur Trauer.

Meine Mutter hatte vier relativ leichte, relativ schnelle Geburten. Nachdem sie es bei mir (Nr. 2) nicht mochte, wie ihr im Krankenhaus alle Kompetenz und Entscheidungsbefugnis abgesprochen wurde (wir sprechen vom Jahr 1971), beschloss sie, Nr. 3 im Jahr 1979 zuhause, per Hausgeburt, zu gebären. Sie wusste ja wie es ging. Es dauerte sehr, sehr lange, bis sie eine ältere Hebamme und einen Frauenarzt fand, die beide einverstanden waren, sie dabei zu betreuen. Es ging gut und auch Nr. 4 kam zuhause zur Welt.

Die furchtbare Geburt meines Neffen (30 Stunden Wehen und Notkaiserschnitt) und darauf folgenden Wunschkaiserschnitt bei meiner Nichte tat ich innerlich als Einstellungssache ab (hiermit entschuldige ich mich öffentlich und in aller Form bei meiner grossen Schwester dafür! hinterher ist man immer gscheiter).

Und siehe da, bereits bei meiner ersten Schwangerschaft hatte ich nicht mal den Hauch von Übelkeit, geschweige denn andere Beschwerden. Es lag also doch nur und ausschliesslich an der richtigen Einstellung. Dachte ich. Die Fehlgeburt hat mir zwar diesbezüglich einen Tiefschlag versetzt und mein Vertrauen in meinen Körper nachhaltig erschüttert, ich zweifelte aber auch in der zweiten Schwangerschaft, die schon zwei Zyklen nach der Ausschabung einsetzte, nie auch nur eine Sekunde daran, dass ich eine relativ leichte Geburt haben würde.

Die Schwangerschaft selber verlief gut, ich war nur ständig unendlich müde, aber das empfand ich als normal. Ich war froh, verzichtete mein Körper auf die elende Kotzerei und verbuchte das damals nicht unter “Glück gehabt”, wo es doch eigentlich hingehört, sondern unter “richtige Einstellung” *ascheaufmeinhaupt*

Und so ab Woche 30 hätte sich das “Gnöpfeli” so langsam drehen dürfen. Tat er aber nicht, der faule Kerl, dafür fing er an zu wachsen wie ein Wahnsinniger. Den Kopf irgendwo zwischen meiner Milz und meinem linken Lungenflügel eingeklemmt, konnte ich manchmal kaum mehr atmen. Zum Ausgleich trat er mich in die Leber und Gallenblase. Wenigstens wusste ich so, dass er am Leben und in Form war (mit Vorderwandplazenta spürt man die Bauchzwerge ja eher weniger).

Ich fing an, im Internet nach Möglichkeiten zu suchen, wie man ein Bauchbaby zum Drehen überreden könnte. Turnen im Wohnzimmer war für meinen Mann lustig, als ich bei Bauchumfang 130 angekommen war, überlegte er, eine Seilwinde zu installieren, um mich ggf hochhieven zu können. Ach ja, bei jeder Ruhepause legte ich mir eine Spieluhr aufs Schambein und dingeldongelte so vor mich hin in der Hoffnung, der Kleine würde sich aus reiner Neugierde der Musik zuwenden und schwups, sich drehen.

Nix ging. Ich fing an zu moxen und massieren, meine Frauenärztin riet dringend,  einen Kaiserschnitt ins Auge zu fassen. Ich weigerte mich, so hatte ich das nicht geplant und ich wollte gefälligst das Mutterschafts-alles-inklusive-Gesamtpaket. Sie bat mich im Krankenhaus eine Zweitmeinung einzuholen, was ich auch tat. Noch ein paar Versuche mit Akkupunktur. Mein Bauch war  nun so riesig – und das Fruchtwasser so viel – dass ich alle paar Tage zum Schallen antreten musste. Kurzer drehte sich infolge der Akkunktur, aber immer halb und schwuppte dann zurück. Der Arzt im Spital riet zur äusseren Wendung. Ich war ziemlich durch den Wind. Wäre ich auf mich allein gestellt gewesen, hätte ich wohl eingewilligt, was, wir wir heute wissen, in einer Katastrophe geendet hätte.

Aber da waren die Hebammen im Spital von La Chaux-de-Fonds: Valérie, junge Hebamme chinesischer Herkunft, die mir die Akkupunktur gemacht hatte. Claire, die Osteopathin, die meinen Ischias behandelte, die ursprünglich Hebamme gewesen war und dann umgesattelt hatte. Marielle, die den Geburtsvorbereitungskurs geleitet hatte und die ich mir so sehr als Geburtsbegleiterin gewünscht hatte. Monique, eine Afrikanerin, die mit einer beeindruckenden Ruhe einen realistischen Optimismus verbreitet (“Sie müssen sich nicht wundern, so eine schöne, grosse Frau mit so einem schönen, starken Mann, das muss einfach ein schönes, grosses Baby geben, und das wird schon irgendwie rauskommen, und wenn nicht, dann holen wir es halt raus, drinnen geblieben ist noch keins”).

Mein Mann und ich wählten dieses Spital, weil wir nach der Fehlgeburt von diesen Frauen so menschlich, so rücksichtsvoll, so mit Mitgefühl – aber ohne aufgesetztes Mitleid – betreut worden waren. Nicht wegen den Ärzten oder den Infrastrukturen, sondern wegen diesen grossartigen Hebammen und Wochenbett-Pflegerinnen.

Und mit ihnen sprach ich dann auch, als ich – mein Fruchtwasser war nun so viel geworden, dass die Oberärztin eine Ruptur fürchtete – täglich zur Kontrolle antanzen musste. Sie waren alle einer Meinung: Wenn “Gnöpfeli” sich halb dreht und dann wieder zurückgeht in seine gemütliche Seitenlage, dann liegt das daran, dass er sich nicht drehen kann. Irgend etwas ist dort innen los, was man von aussen nicht sieht.

All diese Frauen und mein Lebenspartner halfen mir, mich mit dem unausweichlichen Kaiserschnitt zwar nicht anzufreunden, aber doch abzufinden. Ich verhandelte mit der zuständigen Oberärztin einen Termin möglichst nahe am errechneten Entbindungstermin, in der Hoffnung, Kurzer würde wenigstens den Moment seiner Geburt selber bestimmen können. Und sonst konnte er wenigstens so lange wie möglich im Warmen bleiben, denn die Wendung hätte in Woche 36 durchgeführt werden müssen.

Als mir die Oberärztin dann riet, im Falle von Wehen nicht die Ambulanz zu rufen, sondern lieber den Helikopter, weil dann das Kind so schnell wie möglich rausgeholt werden müsse (die Plazenta lag direkt vor dem Ausgang), wurde mir schon etwas mulmig.

Aber ich haderte. Und haderte. Und haderte. “Jede Kuh kann werfen, nur ich nicht”, so dachte ich in den schlaflosen Nächten der Endschwangerschaft, während ich meinem Kurzen lautlos gut zuredete, er solle sich doch bitte, bitte endlich umdrehen, Kopf nach unten und so weiter, und derweil meine Vagina mit Spieluhrengedüdel beschallte.

Einigermassen neutral und wenigstens nach aussen hin ruhig, rückte ich bei 38+6 ein. Aufnahme, noch ein Ultraschall, es hatte sich nichts gedreht, Beruhigungsmittel, Scheidenzäpfchen, was weiss ich. Immer liebevoll betreut und alles erklärt bekommend von Valérie, der anwesenden Hebamme, die einen freundlichen, aber kompetenten Eindruck machte. Sie fuhr mich dann auch persönlich in den OPs.

Und dann fing an, alles schief zu laufen. Es war derselbe Operationssaal, in dem ich nach der Fehlgeburt die Ausschabung hatte. So glaube ich jedenfalls. Ich weiss nicht, ob es derselbe oder ein anderer war. Ich bekam Panik, kriegte keine Luft mehr, wollte wegrennen, aber die Zugänge waren schon gelegt und man verpasste mir die volle Dröhnung. “Die klauen mir mein Kind” war alles, was ich noch denken konnte, dann setzte man die Spinalanästhesie und mein Blutdruck sank in den Keller.

PANIK-PANIK-PANIK-PANIK-PANIK!

Ich wünsche das echt keinem, was ich dort gefühlt habe.

Und dann schüttelte und rüttelte es. Und dann nichts mehr. Mein Mann flüsterte “er ist da, sie bringen ihn rüber”, liess meine Hand los und verschwand aus meinem Gesichtsfeld. Ich zählte auf Fünfzig. Hundert. Wo war mein “Gnöpfeli”? So war das nicht abgemacht. Ganz und gar nicht. Die sollten mir doch den Kleinen gleich nach der Kontrolle bringen.

Flüster-flüster-flüster.

WO IST MEIN BABY?

“Seien Sie nicht beunruhigt, er braucht nur etwas länger zum atmen”.

“Wieso weint er nicht? Wo ist er? Wieso ist er nicht bei mir? Bringen sie ihn her, sie haben es versprochen”

“Wir können nicht, hier hat es keinen Sauerstoff, er braucht Beatmung”

“Dann will ich zu ihm”

“Das geht nicht”

“ICH. WILL. MEINEN. SOHN. SEHEN.”

“Beruhigen sie sich, Madame, beruhigen Sie sich”.

Und dann drückte der Anästhesist ein Knöpfchen, schickte mich in die Wolken.

Mein Mann kam und zeigte mir ein Foto auf der Digitalkamera.

“Das ist er”.

Viel sah man nicht: Einen unscharfen Kopf eines Babys, eine Sauerstoffmaske, Hände, die sie dem Baby aufs Gesicht drückten.

Dann schickte man mich ins Mo-Land und rollte mich in den Aufwachraum.

Man würde ihn mir später bringen, sobald der Brutkasten da sei, ich könne ihn noch schnell sehen, aber dann müsse er verlegt werden.

Tatsächlich brachte man mir ihn eine Stunde später in den Aufwachraum, aber ich konnte ihm nur gerade die Hand reichen, bevor er weggebracht wurde, ins nah gelegene Kantonsspital, das eine Neugeborenen-Intensivstation hatte.

Es war wie in meinen Alpträumen, die mich die ganze Schwangerschaft durch”begleitet” hatten und die wohl von der Fehlgeburt her stammten: Man rollt mich in einen Operationssaal, schneidet mir mein Kind aus dem Bauch und bringt es weg. So hätte es nicht geschehen dürfen, denn ich hatte ja allen Ärzten, dem Anästhesisten, den Hebammen, einfach allen davon erzählt, wie ich mich vor genau dieser Situation fürchtete. Und dann war es genau so. Exakt genau so. Und ich lag im Aufwachraum, allein, mit leerem Bauch, ohne Kind.

“Der Kleine ist in Neuenburg, es geht ihm gut, es geht ihm gut, er lebt, ich werde ihn sehen dürfen” betete ich innerlich runter, die ganzen Stunden bis die Spinalanästhesie endlich weg war und ich aufs Zimmer zurückgebracht wurde.

“Machen Sie sich bereit für die Verlegung”.

“Aber ich will hier bleiben, er muss doch sicher nur bis morgen beobachtet werden, dann bringen sie ihn zurück”.

“Rechnen Sie lieber nicht damit”.

Ich musste dann noch über sechs Stunden warten, bis endlich eine Ambulanz frei wurde, die mich ins andere Krankenhaus, zu meinem Kind, brachte. Mein Mann blieb bei mir, weil er beim Baby sowieso nichts hätte tun können.

In Neuenburg angekommen kam eine ältere Hebamme mit kanadischem Akzent, die blöde Witzchen machte, um mich aufzumuntern. Ich heulte und heulte. Sie wollte mir zu essen geben, mich waschen, schlafen lassen, aber ich heulte, weil mein Bauchbaby weg war. Ich war leer und mein Baby war weg. Ich wusste, wenn man mir 10 Babys zeigen würde, ich wüsste nicht mal, welches meines war. Ich war das heulende Elend. Heute weiss ich, dass der mütterliche Körper bei einer Trennung von Kind und Mutter bei der Geburt hormonell auf “Totgeburt” stellt und anders, als bei Müttern, die ihre Babys bei sich haben, sofort anfängt, in den unschwangeren und unmütterlichen Normalzustand zurückzukehren. Deshalb die Heulerei – nur die Hormone.

Jedenfalls brachte mich diese Hebamme schliesslich zu Kurzem auf die Intensivstation. Ich sass da vor diesem Brutkasten und sah das riesige, nackige Baby (ein 58cm-Baby neben all den Frühgeburten sieht enorm aus!) und dachte, was ist das für ein Baby, ist das meines, wo ist mein Bauchbaby? Wo war dieses zack-bum-Verliebtsein auf den ersten Blick wovon alle sprachen? Kind flutscht raus und – zack! – fühlt man die volle Ladung Glück und so?

Ich fühlte mich betrogen.

Betrogen um die Geburtserfahrung. Betrogen um die ersten wichtigen Momente mit meinem Kind. Betrogen um dieses Liebe-auf-den-ersten-Blick-Ding. Betrogen um so viel Schönes, von dem “alle” berichten. Die dann doch nicht “alle” sind, denn wenn man genauer hinhört, hinliest, merkt man, dass so viele ihr Kreuz zu tragen haben und dass die perfekte Geburt zwar vorkommt, aber doch auch ein Glücksfall ist, denn sehr viele Geburten sind weit davon entfernt, perfekt zu sein oder auch nur den Wünschen und Vorstellungen der Gebärenden zu entsprechen. Es kommt immer anders. Als Gebärende ist man immer ausgeliefert: Im besten Fall ist es sein eigener Körper und die unglaubliche und absolut beängstigende Gewalt, die so eine Geburt zum Vorschein bringt.  Soviel zur Selbstbestimmtheit.

Heute, nach zig Sitzungen bei einer Psychiaterin, die all das mit Kurzem und mir aufarbeitet weiss ich, dass ich überhaupt nichts fühlen konnte mit dem ganzen Mo im Kreislauf. Aber ich fand sogar Gründe, um mir auch das noch vorwerfen zu können. Was war ich nur für eine Frau, die nicht normal gebären konnte wie alle anderen, bei so einem Routineeingriff wie einem Kaiserschnitt voll feige zusammenklappt und dann noch nicht mal ihr Kind erkennt, wenn sie es sieht? Und so eine will Mutter sein? Ein Witz!

Ich weinte die ganze Nacht durch, auch dann noch als das Mo mir ganze Ameisenkolonien durch die Adern jagte und am Morgen war ich für nichts zu gebrauchen. Über das Hickhack mit den Ärzten habe ich bereits geschrieben.

Ich brauchte danach mehrere Wochen – ein paar davon wiederum im Krankenhaus – um mich mit dem Erlebten zwar noch nicht zu versöhnen, aber doch so weit meinen Frieden damit zu machen, dass ich aus der Depression herausfand und mit meinem Kind eine Beziehung aufbauen konnte. Hier habe ich etwas über diese Zeit geschrieben.

Aber noch heute, so viele Jahre danach, empfinde ich diese unglaubliche Wut wenn  Frauen, die einfach nur unwahrscheinliches Glück gehabt haben, statt dieses zu schätzen und dankbar dafür zu sein, anfangen, über Selbstbestimmtheit zu faseln, als ob es an ihnen selber liegen würde, dass sie mehr Glück als andere hatten.

Seien wir doch alle ein kleines Bisschen bescheidener!

Und ein klein wenig dankbar. Die einen dafür, dass sie am Leben sind und ihre Kinder auch, die anderen dafür, dass sie darüber hinaus eine Geburt nach ihren Vorstellungen haben erleben dürfen. Das ist nämlich ein Privileg und kein Verdienst! So wenig, wie das Gegenteil auf persönliches Versagen zurückzuführen ist.

Nachtrag

Wenn ich schon nicht gebären konnte, dann wollte ich wenigstens alles andere richtig machen und verbiss mich wie ein Rottweiler ins Stillen. Es musste einfach funktionieren, ein diesbezügliches Versagen war schlicht nicht akzeptabel.

Henriette, meine Nachsorgehebamme der alten, holländischen Schule (sie kommt ohne Globuli und Räucherstäbchen aus, man stelle sich das vor) sagte mir in Bezug aufs Stillen etwas, das auch für diese #selbstgeboren-Geschichte zutrifft: Die Natural Mamas Bewegung hat grundsätzlich gute Ansätze, weil tatsächlich oft über-pathologisiert, über-behandelt wird – aber sie hat auch ihre negativen Seiten. Die Frauen versteifen sich auf ein idealisiertes Bild, wie eine Schwangerschaft, eine Geburt, der Beginn ihrer Mutterschaft verlaufen sollten. Aber es kommt immer anders. Immer. Und dann muss man das Ideal loslassen. Es gibt nicht die Stillbeziehung (oder Schwangerschaft, oder Geburt). Für Dich gibt es nur Deine. Akzeptiere sie, lebe sie und schick alle, die Dir was anderes einreden wollen, zum Teufel.

Was ich hiermit getan habe.

 

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Fritz Frosch pupst! (Bilderbuch)


Erst neulich habe ich mich darüber beschwert, dass so viele Bilderbücher von sprechenden Tieren handeln. Und jetzt komme ich selber mit einem daher. Bei amazon.de schrieb ein Rezensent etwas von „wertvollen Werten vermitteln“ (von wegen, dass „man“ nicht pupst und wie ungesund, wenn man es sich verklemmt), aber echt, vergesst doch bitte für einen kurzen Moment das Vermitteln von Werten.

„In Büchern findet man keine Abenteuer mehr, sondern Lerngeschichten. Man lernt, wie man streitet oder teilt, wie man die Strasse überquert oder dass man nicht lügen soll. Wo lernt man aber, zu leben und nicht nur zu leben, sondern auch das Leben zu lieben?“ schreibt Eva Solmaz in „Sitz. Platz. Aus?“ (Seite 116, Werbelink)

Also. Weg mit dem Anstand, der Höflichkeit oder den gesundheitlichen Aspekten des Nicht-pupsens!

Cover von "Fritz Frosch pupst"

Fritz Frosch pupst!

„Fritz Frosch pupst!“ist einfach nur witzig. Witzig erzählt, witzig gezeichnet und vom Thema her für Drei- und Vierjährige zu brüllen komisch.

Denn Fritz Frosch pupst. Pups. Pups. Puuuuuuups. Von Morgens bis Abends, bei jeder Gelegenheit, zuhause, beim Baden, in der Schule und beim Arzt. Bis sein Vater genug davon hat und ein Machtwort spricht – es aber bereits am nächsten Tag wieder bereut.

Fritz steckt im Dilemma und muss da irgendwie rauskommen. Da ruft sein Vater: „PUUUPS!“ und genau das tut er dann. Und wie!

Mein Fazit

Lustig. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit Sicherheit nicht das pädagogisch wertvollste Buch in unserem Regal, aber wisst ihr was? Ich erzähle es irrsinnig gern. Denn mir gefällt es, wenn Kurzer vor Lachen kaum Luft bekommt und sich fast in den Schlafanzug pinkelt.

Und die Zielgruppe?

Kurzer lacht beim Vorlesen und er lacht beim selber anschauen. Vor allem bei den letzten paar Seiten, als Fritz wie ein Ballon… und dann als sein Papa auch pupsen muss, das findet er zum Brüllen.

Und wenn ich aus dem Kinderzimmer sein Stimmchen höre, wie er sagt „allez, Häsu, furz, proute-proute!“ dann weiss ich, welches Büchlein der Schlafhase gerade vorgelesen bekommt.

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„Fritz Frosch pupst“
Nord-Süd-Verlag, Zürich
Text und Illustrationen: Birte Müller
Gebunden
32 Seiten
vom Verlag empfohlen ab 4 Jahren, ich würde sagen auch früher: Ab Beginn der Pipikaka-Phase
ISBN 978-3-314-10207-3
Preis CHF 12.90 / € 8.95
Weitere Informationen und Leseprobe beim Nord-Süd-Verlag (http://www.nord-sued.com/)
Die sehr (!) empfehlenswerte Website der Autorin und Zeichnerin Birte Müller: http://www.illuland.de/

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  • Fritz Frosch pupst!
    (bitte achtet darauf, die ungekürzte Hardcover-Version vom Januar 2014 zu kaufen, das Pappbilderbuch wurde leider um ein paar Seiten gekürzt und ist deshalb weniger lustig)
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„Das ist so unglaublich wunderschön“ (bei lokalo24.de)


Helene Souza / pixelio.de

Helene Souza / pixelio.de

Lob, so sagt der gesunde Menschenverstand, stärke das Selbstbewusstsein und je mehr wir seine Leistungen positiv erwähnten, desto stärker würden wir unser Kind machen. Aber stimmt es denn tatsächlich? Welche Auswirkung hat ein Lob auf das Selbstbewusstsein eines Kindes und auf sein Verhalten? Eine Gruppe von Forschern der Universität Utrecht ist der Sache nachgegangen. In ihrer Forschungsarbeit „That’s Not Just Beautiful – That’s Incredibly Beautiful!: The Adverse Impact of Inflated Praise on Children With Low Self-Esteem“ haben Eddie Brummelman und seine Kollegen herausgefunden, dass sich der gesunde Menschenverstand auch mal täuschen kann.
[weiterlesen bei Lokalo24.de]

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Eine differenzierte Analyse – das war einmal


Ich bin ja echt sauer.

Junge klettert auf Baum<br>Bild von Angelina Ströbel / pixelio.de

Junge klettert auf Baum
Bild von Angelina Ströbel / pixelio.de

Gleich mehrere Personen haben mir den heutigen Artikel aus dem Zürcher Tagesanzeiger zukommen lassen: Analyse: Allein im Wald – das war einmal. Man weiss ja schliesslich spätestens seit meiner Besprechung von Renz-Polster und Hüter, dass ich irgendwie zu diesen “Zurück-zur-Natur”-Müttern gehöre und es noch gut finde, wenn die Kinder draussen spielen.

Aber der Tagi-Artikel lässt mich echt sprachlos. Statt einer differenzierten Analyse, wie der Titel vermuten lässt, wird einmal mehr die Früher-war-alles-besser-Keule geschwungen und auf die heutigen Eltern eingedrescht. Dabei geht vergessen, dass die heutigen Eltern genau jene Generation sind, scheints als letzte die grosse Freiheit hat kennen lernen dürfen. Eltern seien überängstlich heisst es in dem Artikel, und würden ihre Kinder überbehüten. Dabei sei die Welt doch viel sicherer geworden, als sie es in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch gewesen sei.

Da wird nur die Veränderung in der Erziehung angesprochen, nicht aber die Veränderungen in der Umwelt, dem Städtebau, der Zersiedelung, aber auch dass die Wege zwischen den verschiedenen Aktionspunkten der Kinder nicht nur gefährlicher, sondern auch weiter geworden sind. Nicht der Wald ist gefährlich, sondern der Weg dahin!

Dass dort, wo in dem viel gepriesenen “Früher” Wiesen, Wäldchen und brachliegende Gelände lagen, die es zu erforschen galt, heute alles zubetoniert oder mit hohen Zäunen gesichert ist, ist keiner Erwähnung wert. Auch dass mit der seit 20 Jahren grassierenden Sparpolitik im Bildungsbereich die Wege in Schule und Kindergarten weiter und komplexer geworden sind – weil ein Kind nicht mehr automatisch in seinem Wohnquartier in den Kindsgi geht, sondern dort, wo es noch Platz hat oder wo das Budget es noch zulässt – und das vielleicht einen Einfluss darauf hat, ob Eltern ihre Kinder hinbringen oder selber laufen lassen, wird nicht erwähnt.

Ebenfalls nicht erwähnt werden Bürgermeister, die die Polizei kommen und Kinder aus der Schule verweisen lassen, weil diese ausserhalb der Öffnungszeiten auf dem Schulareal Fussball oder Basketball spielen. Nachbarn, die die Kinder ihrer Nachbarn verzeigen, wenn diese ausserhalb der Bürozeiten draussen Lärmen. Überall dort, wo heutzutage tatsächlich noch Kinder unbeaufsichtigt spielen kommt früher oder später die Polizei. Nicht, weil die Kinder Vandalen wären, sondern weil sie sich wie Kinder verhalten und Lärm oder auch mal Blödsinn machen. Ich weiss nicht, ob es das Wort “Aufsichtspflichtsverletzung” in den 1970er Jahren schon gab.

In der Kritik, dass Kindergärteler heute oft nicht mehr alleine in den Kindergarten gehen, vergisst die Autorin noch einen wichtigen Punkt: Wir waren 6 Jahre alt, als wir in den Kindergarten kamen. Mit Harmos sind die Kinder gerade mal 4 geworden. Es sollte wohl jedem, der schon mal mit Kindern zu tun hatte, klar sein, welchen riesigen Unterschied diese zwei Jahre in Sachen Verantwortungsbewusstsein, Gefahrenbewusstsein und Verkehrserziehung ausmachen.

Wie viel einfacher ist es doch, mit dem Finger auf die faulen Eltern zu zeigen, die ihre Kinder lieber vor dem TV parkieren statt mit ihnen rauszugehen oder gar sie unbeaufsichtigt draussen herumstromern zu lassen!

Unser Land ist kinderfeindlich, menschenfeindlich geworden, die Freiheit wird allgemein immer weiter eingeschränkt. Das ist bedauerlich, kann aber nicht allein der Generation heutiger Eltern angelastet werden. Unser Land, unsere Gesellschaft, das sind wir alle! Dass es kaum mehr freien Lebensraum gibt, das liegt nicht an uns Eltern und dass die verschiedenen Lebensräume so weit auseinander, die Wege dazwischen so komplex geworden sind, auch nicht.

P.S. Meine Kollegin von lokalo24.de, Marie-Christin Spitznagel, hat sich eben auch darüber aufgeregt, dass Eltern ständig vorgehalten wird, dass sie, und niemand sonst, am Unglück des Planeten schuld seien: Appell mich nicht voll!

P.P.S. Im Auftrag des Marie Meierhofer Instituts für Kinder läuft seit 2011 eine gross angelegte Studie zum Thema “Lebenswelten junger Kinder im Kanton Zürich (2011-2014)” (siehe dazu den Grundlagenbericht). Weshalb sich der Autor des Artikels statt auf diese aktuellen und für den Raum Zürich geltenden Daten und Informationen lieber auf einer etwas ältere, jedoch ohne Quelle zitierte, also nicht nachprüfbare Studie aus dem Grossraum London bezieht und behauptet, die Resultate von dort gälten auch für Zürich, ist mir schleierhaft.

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Lindbergh (Bilderbuch)


Irgendwann mag man als bibliophile Mutter eines eben so bibliophilen Kindes einfach nichts mehr über sprechende Hasen, singende Frösche, schwimmende Eisbären und was es sonst noch so alles gibt, hören. Die niedlichen Zeichnungen und für uns Erwachsene banalen Themen vermischen sich und scheinen immer gleich. Es ist lange her, dass mich ein Buch so richtig mit einem in riesigen Lettern geschriebenen „WOW“ erschlagen hat. Dann schickte mir der Nord-Süd-Verlag Torben Kuhlmann Erstling „Lindbergh“ zur Besprechung und ich war platt.

Lindbergh - Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Die realistischen Zeichnungen in Sepia-Tönen katapultieren einen innert Sekunden in die Aufbruchstimmung um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, als durch die technischen Fortschritt plötzlich alles möglich wurde. Filme wie „Es war einmal in Amerika“ kommen mir bei den Bildern in den Sinn und die heimliche Sehnsucht, dabei gewesen zu sein in der Zeit, als Ingenieure und Erfinder die Helden waren und ihre Selbstversuche von den Menschen frenetisch gefeiert wurden. Es war die Zeit der grossen Flugpioniere und der Dampfschiffe, die Zeit, als Tausende Europäer nach Amerika auswanderten, weil sie dort Hoffnung und eine neue Zukunft in Freiheit und Wohlstand sahen.

Aber nicht nur in der Fliegerei und Seefahrt wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert fleissig erfunden und entwickelt. Auch für zahlreiche Probleme des Alltages wurden technische Lösungen gesucht. Im Jahr 1899 erfand beispielsweise der Engländer Henry Atkinson die Mausefalle.

Und hier, im Jahr 1899, setzt die Geschichte von „Lindbergh“ ein. Eine Maus, die ihre Tage am liebsten mit dem Lesen von Menschenbüchern in der Bibliothek verbringt, kommt aus der Bibliothek zurück und stellt fest, dass sie ganz allein ist:

„Eines Tages, als die kleine Maus von ihren Studien heimkehrte, war es merkwürdig still. Zu still. Früher wuselten hunderte Mäuse durch die alten Häuser, um Freunde zu treffen und an exotischen Dingen zu knabbern. [...] Aber nun lagen überall unheimliche Apparaturen herum. Die Menschenwelt war gefährlich geworden.“

Die anderen Mäuse sind verschwunden. Die kleine Heldin von „Lindbergh“ sucht nach ihren Freunden und vermutet, dass diese nach Amerika, dem Land der grossen Freiheit ausgewandert sein müssen. Sie beschliesst, ebenfalls dorthin zu gehen. Dieses Unterfangen ist schwieriger, als gedacht, denn es lauern überall böse Feinde, die es ihr unmöglich machen, ein Schiff nach Amerika zu besteigen.

Auf dem Rückweg in ihr Versteck beobachtet die kleine Maus ihre Cousinen, die Fledermäuse. Sie beschliesst, einen Flugapparat zu bauen und damit nach Amerika zu fliegen. Doch der Weg dorthin ist weit und mit Hindernissen gespickt.

Mein Fazit

An Kuhlmanns Buch ist überhaupt nichts Niedliches, nur dunkle Farben, realistische und technische Zeichnungen, so richtig unheimliche Katzen und Eulen, denen man die Bosheit von Weitem ansieht, und endlose Hochspannung.

Schafft es die Maus, den Fallen, den Katzen und den Eulen zu entkommen? Funktioniert ihr Flugapparat? Schafft sie es zum Hafenkran, zum Kirchturm, ohne dabei von einem ihrer zahlreichen Feinde erwischt zu werden? Fliegt der Apparat überhaupt? Schafft sie es über das grosse Meer, ohne einzuschlafen oder abzustürzen? Hat sie genug Treibstoff? Was erwartet sie in New York? Sind die anderen Mäuse tatsächlich in Amerika?

Die Handlung ist sehr dicht, mit intensiver Atmosphäre gezeichnet und spannend erzählt. Handlung und Illustrationen fügen sich meisterhaft ineinander. Zugleich ist die Geschichte aber auch ausserordentlich vielschichtig: Es ist nicht nur die Geschichte einer kleinen Maus, die sich einen Flugapparat baut. Ihre verschiedenen Versuche bilden die Entwicklung der Flugzeuge im Zeitraffer ab, von den ersten Konstruktionen Otto Lilienthals bis zu den grossen Entdeckungsflügen von Lindbergh.

Hochspannung!

Hochspannung!

Daneben ist es die, soweit ich es überblicken kann, historisch korrekte Darstellung einer Epoche und ihrer Grundstimmung, die Städte Hamburg und New York und was dazwischen liegt.

Hinzu kommt eine für ein Bilderbuch seltene, aber erfrischende Darstellung von Tieren als Jäger und Gejagte, von richtig fiesen Bösewichten in Form der Eulen. Es geht nicht nur, wie so oft in Büchern für die Kleinen, um ein „banales“ Alltagsproblem, sondern um Leben und Tod:

„Riesige Klauen schnappten nach der kleinen Maus. Sie duckte sich tief in ihren Pilotensitz, kniff die Augen zusammen udn zog mit aller Kraft am Steuerknüppel. Die kleine Flugmaschine raste über die Kante hinweg und … flog!“

Aber damit ist es natürlich noch lange nicht ausgestanden, denn die Eulen sind schnell und der Weg noch weit.

Habe ich erwähnt, dass die Bilder allein für sich genommen schon grandios sind?

Und die Zielgruppe?

Wenn Eltern für ein Buch schwärmen heisst das ja noch lange nicht, dass die Kinder es auch mögen.

Kurzer (4 Jahre 4 Monate) will mal „Fuchaniker“ werden. Wir konnten bisher nicht genau herausfinden, was ein Fuchaniker genau tut, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber mechanische Konstruktionen kommen darin vor.

Das bezeichnet dann auch gerade die Art und Weise, wie er auf das Buch reagiert hat: Die ersten paar Tage hat er die Bilder angeschaut, die Zeichnungen studiert, die Konstruktionen betrachtet und wissen wollen, ob Uhren wirklich so aussehen… Ganz viele Details hat er dabei entdeckt, schon fast wie in einem Wimmelbuch, und eine gefühlte Million Fragen dazu gestellt.

Lindbergh: Uhrwerk und Flugmaschine

Zahnräder und Mechanismen: Dafür kann sich Kurzer stundenlang begeistern

Dann ging er los und fing an, Uhrwerke und Flugzeuge zu basteln. Die Geschichte hört er gerne, aber meist nicht an einem Stück, sondern über zwei oder dreimal verteilt. Er holt sich das Buch ab und an aus dem Gestell, um etwas anzuschauen oder etwas abzuzeichnen.

Der etwas über fünf Jahre alte Nachbarsjunge hingegen war mehr von der Geschichte als von den technischen Aspekten gefesselt. Er ging so richtig mit, zuckte an den richtigen Stellen zusammen, an einem Ort heulte er sogar los und an anderen konnte er vor Spannung kaum mehr stillsitzen.

Deshalb würde ich sagen, dass die Altersangabe ab 5 wohl in etwa passt. Für die Kleineren würde ich die Geschichte von der Komplexität und dem Spannungsbogen her am oberen Ende der Skala ansiedeln.

Ich könnte mir vorstellen, dass für gewisse sensible Kinder die Bilder vielleicht etwas unheimlich sind. Wobei wir unsere Kurzen ja gerne unterschätzen.

Aber sonst ist „Lindbergh“ definitiv ein Buch, das ich gerne weiter empfehle. Für technisch interessierte Mädchen und Buben sowieso, aber eigentlich für alle Kinder, die spannende Abenteuer mögen. Und vielleicht lässt sich eines von ihnen zu eigenen Abenteuern inspirieren – so wie der kleine Charles, der am Ende der Geschichte von einer mutigen, kleinen Maus erfährt und davon träumt, irgendwann selbst den Himmel zu erobern….

~~~||~~~

Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus
Nord-Süd-Verlag, Zürich
Text und Illustrationen: Torben Kuhlmann
Gebunden
96 Seiten
Empfohlen ab 5 Jahren
ISBN 978-3-314-10210-3
Preis CHF 25.90 / € 17.95

Weitere Informationen und Leseprobe beim Nord-Süd-Verlag

Webseite von Torben Kuhlmann: http://www.torben-kuhlmann.com/

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Kleine Hooligans


Mein Junge ist einen halben Kopf grösser als die Gleichaltrigen und er ist immer der Erste, der in Konfliktsituationen körperlich wird.

Er ist der Angreifer. Der Grosse, der die Kleinen schikaniert. Immer. So schaut es aus.

Krieg oder Frieden <br>christiaaane  / pixelio.de

Krieg oder Frieden
christiaaane / pixelio.de

Als Mutter will ich das natürlich nicht so sehen.
Ich sehe einen etwas lang geratenen Vierjährigen, der gehänselt wird, weil sich ältere Kinder über seine Ausraster amüsieren. Ich sehe gleichaltrige Mädchen, die ihn demonstrativ ausschliessen, obwohl er lieb gefragt hat, ob er mitspielen darf. Ich sehe die gleichaltrigen Jungen, die nicht mit ihm teilen wollen, obwohl er etwas im Tausch anbietet.
Ich sehe Eltern, die immer erst hinschauen, wenn ihr Kind weinend am Boden liegt und dem Kind, das “angefangen” hat, böse Blicke zuwerfen oder es gar grob von ihrem Kind wegziehen und anschnauzen.
Ich sehe diesen grossen kleinen Jungen, der wütend Gegenstände durch die Gegend schmeisst, Erwachsene schlägt und alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, mit Fusstritten traktiert.
Und mein Herz schmerzt so sehr für ihn aber mehr als ganz fest festhalten und ihm sagen, wie sehr ich ihn liebe, kann ich ihn nicht.

So eine gequirlte Kackawurst!

Meine Ängste, dass Kurzer ausgeschlossen werden könnte, meine Angst, was andere Eltern von meinem Kind oder meinen mütterlichen Qualifikationen halten könnten, die haben absolut nichts mit dem Streit zwischen meinem Sohn und seinem Kumpel zu tun.

Hier ist der Konflikt zwischen zwei Kindern.

Dort sind meine eigenen Ängste und Dämonen.

Zwei verschiedene Themen!

Körperliche, bzw. vermeintlich aggressive Handlungen zwischen kleinen Kindern sind bis zu einem gewissen Grad normal, sobald die Eloquenz an ihre Grenzen stösst oder die Überforderung eintritt. Ein Kind, das körperlich wird, gehört noch lange nicht in Therapie. Aber darüber mag ich hier gar nicht referieren, sondern verweise einfach auf das ausgezeichnete Buch von Jesper Juul: Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist (der Link führt zu Amazon und ich erhalte eine kleine Provision, wenn Du ihn zum Bestellen benutzt).

Ein anderer Fakt ist: Wenn Kinder andere Kinder ärgern, hänseln, nicht mitspielen lassen, dann müssen sie lernen, dass irgendwann etwas zurückkommt. Wenn Kurzer mehrmals freundlich fragt, ob er mitspielen dürfe und die anderen sich einfach abwenden, ihn ignorieren, ihren Kreis schliessen, dann hat er das Recht, wütend und frustriert zu sein. Wenn er seinen Muffin mit dem anderen Kind teilt, aber dieses ihm nicht von seinem abgibt, dann ist seine Wut ebenfalls berechtigt. Und wenn Ältere mit einem Spielzeug vor seiner Nase hermfuchteln und lachend weglaufen wenn er vor Frustration laut losheult, haben sie es verflixt nocheins nicht besser verdient, als dass ihnen mal einer eins auf die Nase gibt!

Hauen ist nicht akzeptabel. Nie. In dem Punkt sind sich alle einig. Es ist aber eindeutig nicht immer das Kind, das als erstes physisch wird, das eine Antiaggressionstherapie benötigt. Nicht nur Schlagen ist sozial unverträglich, sondern auch das verbale Schikanieren von Kleineren und/oder Schwächeren.

Aber das haben, so lernte mich die Erfahrung, auch viele Jugendliche oder Erwachsene nicht gelernt. Auch die meinen dann, “aber ich habe ja gar nichts getan”, wenn ein Mobbingopfer durchdreht und zurückschlägt.

Natürlich ist eine solche Reaktion nicht ok. Aber verdammt, die Aktion, die zur Reaktion geführt hat, ist es auch nicht. Seine Wut und Frustration sind berechtigt. Daran, wie er sie ausdrückt, müssen wir noch arbeiten.

Und seien wir ehrlich: Manchmal braucht jemand, der ein verbales “nein, lass mich in Ruhe” nicht versteht, auch eins auf die Nase. Egal wie alt er ist.

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